Listerien-infizierte Makrophagen schwächen Blutgefäßbarrieren, um die Infektion zu verbreiten

Forschende des Exzellenzclusters CMFI haben gemeinsam mit weiteren Kooperationspartnern einen wichtigen biomechanischen Mechanismus aufgedeckt, den Listeria monocytogenes zur Ausbreitung im Körper nutzt. Ihre nun in Cell Reports veröffentlichte Studie zeigt, dass die infizierten Makrophagen die mechanische Integrität von Endothelzellschichten – der zellulären Barriere, die Blutgefäße auskleidet – aktiv schwächen, um ihre eigene Transmigration zu ermöglichen.
Endothelzellen verstärken ihre Barriere aktiv
Unter normalen Bedingungen reagieren Endothelzellen auf den Kontakt mit Makrophagen, indem sie ihre Barriere stärken. Der direkte Makrophagen-Endothel-Kontakt erhöht die zellulären Traktionskräfte und die Gewebespannung des Zellverbands und festigt so die Barrierefunktion, wodurch der Durchtritt von Immunzellen eingeschränkt wird.
Infektion stört Schutzreaktion
Wenn Makrophagen jedoch mit Listeria monocytogenes infiziert sind, wird diese schützende biomechanische Reaktion der Endothelzellen unterdrückt. Anstatt sich zu verstärken, zeigen die Endothelzellen verminderte Kontraktionskräfte und einen reduzierten Barrierewiderstand. Infolgedessen überqueren infizierte Makrophagen die Endothelschicht nahezu doppelt so effizient wie nicht infizierte Zellen.
Die Forschenden zeigen, dass dieser Effekt maßgeblich durch den direkten Zell-Zell-Kontakt und nicht durch lösliche entzündliche Zytokine bedingt ist. Obwohl das Zytokin TNF-α (Tumornekrosefaktor-alpha) teilweise zur Schwächung der Barriere beiträgt, kann es die bei der Infektion beobachtete verstärkte Transmigration nicht vollständig erklären. TNF-α ist ein zentrales proinflammatorisches Zytokin des Immunsystems, das Entzündungen fördert, Immunzellen aktiviert und den programmierten Zelltod (Apoptose) reguliert.
„Unsere Studie zeigt, dass Listerien-infizierte Makrophagen das mechanische Verhalten von Endothelzellen umgestalten und dass endotheliale Kräfte aktiv regulieren, wie Immunzellen die Gefäßwand passieren. Entscheidend ist, dass dieser Prozess vom Infektionsstatus der Makrophagen abhängt. Eine spannende Folgefrage ist, wie die von infizierten Makrophagen erzeugten physikalischen Kräfte ihre Transmigration antreiben und ob sich dies von nicht infizierten Zellen unterscheidet", so die Studienleiterin Effie Bastounis, Leiterin einer Nachwuchsforschungsgruppe am CMFI.
In vivo Nachweis
Mithilfe eines Zebrafisch-Infektionsmodells bestätigte das Team, dass eine Listerieninfektion die Durchlässigkeit der Gefäße erhöht und die Makrophagen-Transmigration in vivo beschleunigt. Die Ablation, also das Entfernen, von Makrophagen reduzierte die Gefäßleckage, was die Annahme stützt, dass direkte Makrophagen-Endothel-Wechselwirkungen zentral für diesen Prozess sind.
„Wir konnten beobachten, dass infizierte Makrophagen die lokale Gewebemechanik organisieren und eine biomechanische Ebene der Wirtsabwehr koordinieren können. In diesem Sinne ist die Reaktion auf intrazelluläre Pathogene nicht nur biochemischer, sondern auch grundlegend mechanischer Natur", ergänzt Marie Münkel, ehemalige Doktorandin in der Arbeitsgruppe von Effie Bastounis und Erstautorin der Studie.

Eine biomechanische Strategie zur Pathogenausbreitung
Die Studie identifiziert Endothelzellen als aktive mechanische Regulatoren des Immunzelldurchtritts – und zeigt, wie Listeria dieses System zur Förderung der systemischen Ausbreitung nutzt. Indem infizierte Makrophagen die kontaktabhängige Barriereverstärkung außer Kraft setzen, öffnen sie effektiv einen Weg durch die Gefäßwand.
Diese Erkenntnisse rücken die endotheliale Mechanik als bisher unterschätzten Faktor in der Infektionsbiologie in den Vordergrund und eröffnen neue Ansätze für therapeutische Strategien zur Verhinderung der Pathogenausbreitung.
Publikation: Muenkel M, Wright K, Keskin E, Sánchez-Rendón JC, Balmes A, Schäffer TE, Romer F, Lebtig M, Kretschmer D, Loskill P, Mostowy S, Bastounis EE. (2026) Listeria-infected macrophages promote biomechanical alterations in endothelial cell monolayers for transmigration. Cell Rep. 45(3):117031. doi: 10.1016/j.celrep.2026.117031.
Effie Bastounis, PhD
Universität Tübingen
Interfakultäres Institut für Mikrobiologie und Infektionsmedizin
effie.bastounis@uni-tuebingen.de
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Leon Kokkoliadis
Medien- und Öffentlichkeitsarbeit
Universität Tübingen
Interfakultäres Institut für Mikrobiologie und Infektionsmedizin
Exzellenzcluster „Kontrolle von Mikroorganismen zur Bekämpfung von Infektionen” (CMFI)
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