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Neues Prognosemodell zur Sterblichkeit bei Blutstrominfektionen

02.02.2022 Pressemitteilung

Neues Prognosemodell zur Sterblichkeit bei Blutstrominfektionen

T├╝bingen, den 02.02.2022

Blutstrominfektionen (BSI) sind schwere bakterielle Infektionen, die mit einer hohen Sterblichkeit verbunden sind. Um Risikofaktoren zu identifizieren und so die kurz- sowie langfristige Sterblichkeit pr├Ąziser prognostizieren zu k├Ânnen, entwickelte ein Forschungsteam klinische Vorhersagemodelle (sogenannte Scores), in denen verschiedene Patientenparameter in Punktwerten zusammengefasst sind. Die Modelle dienen auch dazu, die Diagnostik und Therapie zu verbessern. Die Forschungsleiterin Prof. Evelina Tacconelli aus T├╝bingen f├╝hrte die Studie des Deutschen Zentrums f├╝r Infektionsforschung (DZIF) unter Federf├╝hrung der Universit├Ątsklinika T├╝bingen und Freiburg durch. Die Universit├Ątskliniken Berlin, Gie├čen, K├Âln und L├╝beck sind ebenfalls beteiligt ÔÇô die Ergebnisse wurden aktuell in der renommierten Fachzeitschrift Lancet Infectious Diseases ver├Âffentlicht.

Im vergangenen Jahrzehnt ist die Anzahl der Blutstrominfektionen durch multiresistente Erreger massiv gestiegen: Europ├Ąische Daten zeigen, dass sich sch├Ątzungsweise sechs Prozent der Patientinnen und Patienten im Krankenhaus mit einer BSI infizieren ÔÇô das sind j├Ąhrlich rund 3,2 Millionen F├Ąlle. Etwa 150.000 Menschen sterben daran. Generell h├Ąngen die Schwere und der Verlauf der bakteriellen Infektion von den ausl├Âsenden Bakterien, dem zugrundeliegenden Gesundheitszustand der Patientinnen und Patienten sowie von der Behandlung der Infektion ab. Die Auswirkungen dauern oftmals mehrere Monate nach der Entlassung aus dem Krankenhaus an.

Obwohl Vorhersagemodelle f├╝r die Prognose bereits existieren, sind diese bislang auf bestimmte Krankheitserreger oder Intensivpatienten und -patientinnen beschr├Ąnkt und betreffen vor allem die kurzfristige Prognose innerhalb des Krankenhausaufenthalts. Die langfristigen Auswirkungen der Blutstrominfektion nach der Entlassung sind erst in den letzten Jahren in den Fokus der Forschenden ger├╝ckt.

Multizentrische Kohortenstudie BLOOMY* zur 14-Tages und 6-Monats-Sterblichkeit

Mit dem Ziel, die kurz- und langfristige Sterblichkeit bei Patientinnen und Patienten mit BSI und mit verschiedenen Keimen sowohl auf der Normal- als auch auf der Intensivstation besser prognostizieren zu k├Ânnen, wurden Daten f├╝r die multizentrische Kohortenstudie unter der Leitung von Prof. Evelina Tacconelli mit rund 2.500 Patienten und Patientinnen an allen Standorten prospektiv erhoben. Mikrobiologische, klinische, laborchemische sowie Behandlungs- und ├ťberlebensdaten spielten eine Rolle f├╝r die Untersuchung der 14-Tages und 6-Monats-Sterblichkeit; insgesamt wurden ├╝ber 1.000 Variablen pro Patient bzw. pro Patientin analysiert. Auf dieser Grundlage lie├čen sich mathematische Modelle f├╝r die fr├╝hzeitige Vorhersage der Sterblichkeit nach 14 Tagen bzw. nach 6 Monaten erstellen.

Dabei fanden die Forscherinnen und Forscher heraus, dass f├╝r beide Zeitr├Ąume Faktoren wie das Alter, maligne Vorerkrankungen und bestimmte Keime sowie der Body Mass Index (BMI), Thrombozyten- und Leukozytenzahlen und der Entz├╝ndungsmarker CRP ebenso ma├čgeblich sind wie die Frage, ob die Betroffenen im Krankenhaus erkrankt sind. Zus├Ątzliche Variablen f├╝r die Vorhersage der 14-Tage-Sterblichkeit waren der mentale Status, ein zu niedriger Blutdruck und die Notwendigkeit einer mechanischen Beatmung. F├╝r die Vorhersage der 6-Monats-Mortalit├Ąt hingegen waren zus├Ątzlich der Infektionsherd, Komplikationen w├Ąhrend des Krankenhausaufenthaltes sowie die Nierenfunktion bei Behandlungsende relevant.

Das Ergebnis der Studie

Die Auswertungsergebnisse wurden zu zwei klinischen Scores zusammengef├╝hrt, mit denen bereits zu einem fr├╝hen Zeitpunkt der Erkrankung jeweils die Vorhersagen f├╝r die 14-Tages- sowie 6-Monats-Sterblichkeit erheblich pr├Ąziser erfolgen k├Ânnen. Beide Scores wurden im Anschluss bei weiteren rund 1.000 Patientinnen und Patienten aus den verschiedenen Zentren erfolgreich auf ihre Vorhersagekraft validiert.

ÔÇ×Unsere Studie zeigt, dass die BLOOMY-Scores eine gute Trennsch├Ąrfe und damit Vorhersagekraft in Bezug auf die kurz- und langfristige Sterblichkeit nach Blutstrominfektion aufweisen und dass wir mit ihrer Hilfe differenzierte BSI-Managementprotokolle entwickeln k├ÂnnenÔÇť, erkl├Ąrt DZIF-Studienleiterin Prof. Evelina Tacconelli. Ober├Ąrztin Dr. Siri G├Âpel, Mitglied der Forschungsgruppe aus T├╝bingen, erl├Ąutert: ÔÇ×Wir k├Ânnen somit fr├╝hzeitig jene Patientinnen und Patienten im Behandlungsverlauf identifizieren, die ein sehr hohes Risiko haben, und diese beispielsweise engmaschiger ├╝berwachen. Auch nach der Entlassung lie├čen sich Erkrankte mit einem hohen Langzeitrisiko gezielt ├╝berwachen. Weitere Studien k├Ânnten evaluieren, ob spezielle Ma├čnahmen die Prognose bei diesen Patientinnen und Patienten verbessern k├Ânnen.ÔÇť

*(BLOOMY = BLOOdstream infection due to multidrug-resistant Organisms: Multicenter studY on risk factors and clinical outcomes)

(Quelle: Pressemitteilung Uniklinik T├╝bingen)


Publikation

Tacconelli E, G├Âpel S, Gladstone BP, Eisenbeis S, H├Âlzl F, Buhl M, G├│rska A, Cattaneo C, Mischnik A, Rieg S, Rohde AM, Kohlmorgen B, Falgenhauer J, Trauth J, K├Ąding N, Kramme E, Biehl LM, Walker SV, Peter S, Gastmeier P, Chakraborty T, Vehreschild MJ, Seifert H, Rupp J, Kern WV; DZIF BLOOMY study group. Development and validation of BLOOMY prediction scores for 14-day and 6-month mortality in hospitalised adults with bloodstream infections: a multicentre, prospective, cohort study. Lancet Infect Dis. 2022 Jan 19:S1473-3099(21)00587-9. doi: 10.1016/S1473-3099(21)00587-9.

Dr. Evelina Tacconelli ist ehemalige Projektleiterin des Exzellenzclusters "Controlling Microbes to Fight Infections" (CMFI).

Pressekontakt

Leon Kokkoliadis
Medien- und ├ľffentlichkeitsarbeit

Tel: +49 7071 29-74707
E-Mail: leon.kokkoliadis@uni-tuebingen.de

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