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Neue Studie spricht f├╝r Remission als Therapieziel beim Pr├Ądiabetes

26.09.2023 Pressemitteilung

Pr├Ądiabetes ist eine Vorstufe des Typ-2-Diabetes mit einem erh├Âhten Risiko f├╝r Herzinfarkt, Nieren- undAugenerkrankungen und verschiedene Krebsarten. In Deutschland ist keine medikament├Âse Therapie f├╝rden Pr├Ądiabetes zugelassen. Wissenschaftler aus dem Deutschen  Zentrum f├╝r Diabetesforschung (DZD) finden Mechanismen, die den Pr├Ądiabetes in Remission bringen k├Ânnen, also in einen Zustand mit Blutzuckerwerten im Normbereich, ohne dass von einer Heilung ausgegangen werden kann. Eine Pr├Ądiabetes Remission sch├╝tzt vor Typ-2-Diabetes und ist langfristig mit besserer Nieren- und Gef├Ą├čfunktion verbunden

Menschen mit Typ-2-Diabetes haben ein erh├Âhtes Risiko f├╝r Nierenerkrankungen, Herzinfarkt oder Schlaganfall und sind einer h├Âheren Sterblichkeit ausgesetzt. Bis vor einigen Jahren galt der Typ-2-Diabetes als irreversible Krankheit. Mittlerweile ist bekannt, dass Typ-2-Diabetes durch eine starke Gewichtsreduktion bei einem Teil der Betroffenen in einen Zustand der Remission gebracht werden kann, die allerdings selten von Dauer ist: Die meisten Patientinnen und Patienten entwickeln nach f├╝nf Jahren erneut einen Typ-2-Diabetes.

ÔÇ×Wir haben uns daher das Ziel gesetzt, schon fr├╝her zu starten und zu untersuchen, ob es m├Âglich ist, bereits in der Vorstufe des Typ-2-Diabetes, dem Pr├Ądiabetes, vorbeugend t├Ątig zu werden und diesen r├╝ckg├Ąngig zu machenÔÇť, erl├Ąutert Seniorautor Prof. Dr. Andreas Birkenfeld, ├ärztlicher Direktor der Medizinischen Klinik IV des Universit├Ątsklinikums T├╝bingen und Leiter des Instituts f├╝r Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen des Helmholtz Munich an der Universit├Ąt T├╝bingen. F├╝r die Patientinnen und Patienten mit Pr├Ądiabetes w├Ąre dies von gro├čer Bedeutung, da sie auch ein erh├Âhtes Risiko f├╝r Komplikationen an Herz, Nieren und Augen aufweisen.


Doch welche Mechanismen f├╝hren zur Remission bei Pr├Ądiabetes? Das untersuchten DZD-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vom Institut f├╝r Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen (IDM) von Helmholtz Munich in T├╝bingen und der Klinik f├╝r Diabetologie, Endokrinologie und Nephrologie am Universit├Ątsklinikum T├╝bingen in einer Post-hoc-Analyse von Teilnehmenden mit Pr├Ądiabetes aus der Prediabetes Lifestyle Intervention Study (PLIS).

Im Rahmen dieser randomisiert-kontrollierten Multicenter-Studie des DZD hatten 1.105 Pr├Ądiabetes-Patientinnen und Patienten ├╝ber ein Jahr an einer Lebensstilintervention, bestehend aus gesunder Ern├Ąhrung und mehr k├Ârperlicher Bewegung teilgenommen. Die Forschenden werteten die 298 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus, die im Rahmen dieser Intervention mindestens f├╝nf Prozent an Gewicht abgenommen hatten. Als Responder galten Teilnehmende, bei denen sich N├╝chternblutzucker, 2-Stunden-Glukose und HbA1c-Wert innerhalb der zw├Âlf Monate normalisiert hatten, also in Remission gegangen waren. Diejenigen, die trotz des Gewichtsverlusts keine Remission erreichten und weiterhin einen Pr├Ądiabetes hatten, galten als Non-Responder.

Entgegen ersten Vermutungen der Forschenden war es nicht der Gewichtsverlust, der die Menschen unterschied, die in Remission gingen und diejenigen, die nicht in Remission gingen, denn es gab zwischen den Respondern und Non-Respondern keinen Unterschied in der relativen Gewichtsabnahme. Jedoch zeichneten sich diejenigen, die eine Remission erreicht hatten, dadurch aus, dass sie st├Ąrker ihre Insulinsensitivit├Ąt verbessern konnten als die Non-Responder. Anders ausgedr├╝ckt konnten sie ihre Empfindlichkeit gegen├╝ber dem blutzuckersenkenden Hormon Insulin deutlich st├Ąrker steigern als die Non-Responder. Die Menge des ausgesch├╝tteten Insulins blieb indes in beiden Gruppen unver├Ąndert. Dies stellt einen wichtigen Unterschied zur Remission von Typ-2-Diabetes dar, die insbesondere durch eine Verbesserung der Insulinaussch├╝ttung vermittelt wird.

 

Reduktion des viszeralen Bauchfetts k├Ânnte zur Remission bei Pr├Ądiabetes beitragen

Um herauszufinden, weshalb sich die Insulinsensitivit├Ąt bei den Respondern st├Ąrker verbessert hatte, suchten die Forschenden nach weiteren Unterschieden zwischen den beiden Gruppen ÔÇô und wurden in der K├Ârpermitte f├╝ndig: Die Responder hatten trotz gleicher Gewichtsabnahme mehr viszerales Bauchfett abgebaut als die Non-Responder. Viszerales Bauchfett liegt direkt in der Bauchh├Âhle und umgibt den Darm. Es kann die Insulinsensitivit├Ąt beeinflussen, unter anderem durch eine Entz├╝ndungsreaktion im Fettgewebe.


Die Teilnehmenden, die in Remission gingen, hatten tats├Ąchlich auch weniger Entz├╝ndungsproteine im Blut. ÔÇ×Da Responder insbesondere eine Verringerung des viszeralen Bauchfetts aufwiesen, ist es wichtig, in Zukunft die Faktoren zu identifizieren, die den Verlust des viszeralen Bauchfetts beg├╝nstigenÔÇť, betont Arvid Sandforth, einer der beiden Erstautoren. Bei der Reduktion des Leberfetts dagegen ÔÇô ebenfalls ein wichtiger Risikofaktor f├╝r die Entwicklung von Diabetes ÔÇô gab es ├╝berraschenderweise keine Unterschiede zwischen den beiden Gruppen.

Die Teilnehmenden, die eine Remission erreicht hatten, wiesen noch zwei Jahre nach Ende der Lebensstilintervention ein um 73 Prozent reduziertes Risiko auf, einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln. Au├čerdem zeigten sie reduzierte Marker der Nierensch├Ądigung und einen besseren Zustand ihrer Blutgef├Ą├če. Die Teilnehmenden an der PLIS Studie werden ├╝berdies von den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen weiter beobachtet, um zu erfassen, wie lange sich dieser Vorteil in Zukunft fortsetzt.

Aktuell besteht die Behandlung des Pr├Ądiabetes in einer Gewichtsreduktion und Verbesserung des Lebensstils, um den Ausbruch des Typ-2-Diabetes hinauszuz├Âgern ÔÇô allerdings ohne, dass glukosebasierte Zielwerte zur Verf├╝gung stehen, an denen sich der Behandlungsprozess orientieren k├Ânnte. Diese L├╝cke schlie├čt die neue Analyse des DZD: ÔÇ×Basierend auf den neuen Daten sollte die Remission das neue Therapieziel bei Menschen mit Pr├Ądiabetes sein. Dies hat das Potenzial, die Behandlungspraxis zu ver├Ąndern und die Komplikationsrate f├╝r unsere Patientinnen und Patienten zu minimierenÔÇť, sagt CMFI PI und Co-Erstautor Prof. Dr. Reiner Jumpertz-von Schwartzenberg.

Von einer Remission bei Pr├Ądiabetes ist der Studie zufolge auszugehen, wenn der N├╝chternblutzucker unter 100mg/dl (5,6 mmol/l), die 2-Stunden-Glukose unter 140mg/dl (7,8 mmol/l) und der HbA1c-Wert unter 5,7 Prozent sinkt. Die Wahrscheinlichkeit einer Remission steigt den neuen Ergebnissen zufolge, je mehr das K├Ârpergewicht gesenkt wird und der Bauchumfang zumindest um etwa 4 cm bei Frauen und ca. 7 cm bei M├Ąnnern reduziert werden. Daran k├Ânnten sich ├Ąrztliches Personal und Patientinnen bzw. Patienten nun orientieren, so die Forschenden. Im weiteren Verlauf wollen sie untersuchen, ob diese Strategie kostensparend ist, um auch die Unterst├╝tzung der Kostentr├Ąger f├╝r eine entsprechende Therapie zu gew├Ąhrleisten.


├ťber die Studie

Die Pr├Ądiabetes-Lebensstil-Interventions-Studie (PLIS) wurde als eine der ersten gro├čen Multicenterstudien im Deutschen Zentrum f├╝r Diabetesforschung unter der Leitung des T├╝binger Standorts durchgef├╝hrt. Aktuell findet Follow-up-Untersuchungen statt. An der Studie sind neun Standorte des DZD beteiligt.

Das Deutsche Zentrum f├╝r Diabetesforschung (DZD) e.V.

Das DZD ist eines der sieben Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung. Es b├╝ndelt Experten auf dem Gebiet der Diabetesforschung und verzahnt Grundlagenforschung, Epidemiologie und klinische Anwendung. Ziel des DZD ist es, ├╝ber einen neuartigen, integrativen Forschungsansatz einen wesentlichen Beitrag zur erfolgreichen, ma├čgeschneiderten Pr├Ąvention, Diagnose und Therapie des Diabetes mellitus zu leisten. Mitglieder des Verbunds sind Helmholtz Munich ÔÇô Deutsches Forschungszentrum f├╝r Gesundheit und Umwelt, das Deutsche Diabetes-Zentrum DDZ in D├╝sseldorf, das Deutsche Institut f├╝r Ern├Ąhrungsforschung DIfE in Potsdam-Rehbr├╝cke, das Institut f├╝r Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen von Helmholtz Munich an der Eberhard-Karls-Universit├Ąt T├╝bingen und das Paul-Langerhans-Institut Dresden von Helmholtz Munich am Universit├Ątsklinikum Carl Gustav Carus der TU Dresden, assoziierte Partner an den Universit├Ąten in Heidelberg, K├Âln, Leipzig, L├╝beck und M├╝nchen sowie weitere Projektpartner. www.dzd-ev.de

Helmholtz Munich

Helmholtz Munich ist ein biomedizinisches Spitzenforschungszentrum. Seine Mission ist, bahnbrechende L├Âsungen f├╝r eine ges├╝ndere Gesellschaft in einer sich schnell ver├Ąndernden Welt zu entwickeln. Interdisziplin├Ąre Forschungsteams fokussieren umweltbedingte Krankheiten, insbesondere die Therapie und die Pr├Ąvention von Diabetes, Adipositas, Allergien und chronischen Lungenerkrankungen. Mittels k├╝nstlicher Intelligenz und Bioengineering transferieren die Forschenden ihre Erkenntnisse schneller zu den Patient:innen. Helmholtz Munich z├Ąhlt mehr als 2.500 Mitarbeitende und hat seinen Sitz in M├╝nchen/Neuherberg. Es ist Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft, mit mehr als 43.000 Mitarbeitenden und 18 Forschungszentren die gr├Â├čte Wissenschaftsorganisation in Deutschland. Mehr ├╝ber Helmholtz Munich (Helmholtz Zentrum M├╝nchen Deutsches Forschungszentrum f├╝r Gesundheit und Umwelt GmbH): www.helmholtz-munich.de

Das Universit├Ątsklinikum T├╝bingen (UKT)

Das 1805 gegr├╝ndete Universit├Ątsklinikum T├╝bingen geh├Ârt zu den f├╝hrenden Zentren der deutschen Hochschulmedizin. Als eines der 33 Universit├Ątsklinika in Deutschland tr├Ągt es zum erfolgreichen Verbund von Hochleistungsmedizin, Forschung und Lehre bei. Weit ├╝ber 400 000 station├Ąre und ambulante Patienten aus aller Welt profitieren j├Ąhrlich von dieser Verbindung aus Wissenschaft und Praxis. Die Kliniken, Institute und Zentren vereinen alle Spezialisten unter einem Dach. Die Experten arbeiten fach├╝bergreifend zusammen und bieten jedem Patienten die optimale Behandlung ausgerichtet an den neuesten Forschungsergebnissen. Das Universit├Ątsklinikum T├╝bingen forscht f├╝r bessere Diagnosen, Therapien und Heilungschancen, viele neue Behandlungsmethoden werden hier klinisch erprobt und angewandt. Neben der Diabetologie sind die Neurowissenschaften, Onkologie, Immunologie, Infektionsforschung und Vaskul├Ąre Medizin Forschungsschwerpunkte in T├╝bingen. Der Lehrstuhl f├╝r Diabetologie /Endokrinologie war in den letzten 25 Jahren Zentrum interdisziplin├Ąrer Forschung insbesondere unter Beteiligung der Chirurgie, Radiologie und Labormedizin. Das Universit├Ątsklinikum ist in vier der sechs von der Bundesregierung initiierten Deutschen Zentren f├╝r Gesundheitsforschung verl├Ąsslicher Partner. www.medizin.uni-tuebingen.de

├ťber Reiner Jumpertz-von Schwartzenberg:

Reiner Jumpertz-von Schwartzenberg ist Professor f├╝r Klinische Metabolismus- und Adipositasforschung an der Medizinischen Fakult├Ąt der Universit├Ąt T├╝bingen. Seit 2021 ist Jumpertz-von Schwartzenberg Oberarzt f├╝r Diabetologie, Endokrinologie und Nephrologie und leitet die Studienzentrale des Instituts f├╝r Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen am Universit├Ątsklinikum T├╝bingen. Er ist zus├Ątzlich Gruppenleiter einer Helmholtz Young Investigator Group und Nachwuchsgruppenleiter im T├╝binger Exzellenzcluster ÔÇ×Controlling Microbes to Fight InfectionsÔÇť (CMFI).
Dort untersucht er die der Entwicklung von metabolischen Krankheiten zu Grunde liegenden Mechanismen mit besonderem Fokus auf Wechselwirkungen des Darmmikrobioms und des Wirtsmetabolismus an der Schnittstelle der intestinalen Nahrungsabsorption.

Original-Publikation:

Sandforth A, Jumpertz-von Schwartzenberg R et al. (2023): Mechanisms of weight loss-induced remission in people with prediabetes: A Post-hoc Analysis of the Randomized Controlled Multicenter Prediabetes Lifestyle Intervention Study (PLIS). Lancet Diabetes Endocrinology 2023; DOI:https://doi.org/10.1016/S2213-8587(23)00235-8.

Wissenschaftlicher Kontakt

Prof. Dr. med. Andreas Birkenfeld
Ärztlicher Direktor
Leitung der Klinik f├╝r Diabetologie, Endokrinologie und Nephrologie
andreas.birkenfeld@med.uni-tuebingen.de

Pressekontakt

Dr. Astrid Glaser
Gesch├Ąftsf├╝hrerin DZD
Tel: 089-31871619
glaser@dzd-ev.de

 

Universit├Ątsklinikum T├╝bingen

Stabsstelle Kommunikation und Medien

Hoppe-Seyler-Stra├če 6, 72076 T├╝bingen

Tel. 07071 29-88548

presse@med.uni-tuebingen.de

 

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